Die wilden Männer von Säckingen

von Gottfried Nauwerck

 

Täglich gehen Hunderte aus der Säckinger Altstadt über die Holzbrücke Richtung Schweizer Nachbarschaft. Wohl Wenige entdecken dabei das Kleine, auf Holz gemalte Bild im Giebeldreieck des Brückeneingangs. Was stellt es dar? Was hat das zu bedeuten?

 

Es ist näherer Betrachtung wert: Zwei stämmige, bärtige Männer umrahmen das Säckinger Stadtwappen, der helle, gut zugeschnürte Sack (mit Getreide, oder Mehl, oder …) auf schwarzem Grund, darüber ein roter Querbalken, auf den sich der Eine mit dem rechten Arm aufstützt. Die muskulösen Männer sind nackt, bis auf eine Art Lendenschutz aus Fell, und stehen barfuß auf hellbrauner Erde. Der Linke trägt zudem ein Fell über Kopf und Schultern, wobei man die Ohrspitzen einer Wildkatze auf seinem Kopf erkennen kann. Er hält eine Lanze mit der rechten Hand und weist mit dem Zeigefinger der Linken gezielt auf die Spitze seiner Waffe. - Der Mann rechts vom Wappenschild wirkt etwas älter, schaut nicht so grimmig, eher friedlich, mit gütig leicht geneigtem Kopf, den ein Lorbeerkranz ziert. Sein Lendenschurz besteht aus Eichenlaub. Die Zipfel seines fellartigen Schulterumhanges hat er vor der Brust verknotet. In der linken Hand hält er eine langstielige Keule, die er auf den Boden stützt. Ein hellblauer Himmel mit Kumuluswolken, eine ferne blaue Bergkulisse, dunkelgrüner Bergwald und hellgrünes Vorland bilden den Hintergrund der Szene.

Foto: Karl Braun

 

Was hat diese Szene zu bedeuten und in welcher Beziehung steht sie zur Stadt und der Brücke? Der Archivar P. Ch. Müller brachte mich auf die Spur: Das „Handwörterbuch der deutschen Volkskunde“ von 1938 gibt Auskunft: Abteilung I Aberglaube.

 

Die „wilden Männer“ bekannt in der Schweiz, in Österreich und in Mitteldeutschland sind Wesen der niederen Mythologie. Sie treten als Brüderpaar auf und verkörpern – außerordentlich vieldeutig – harmlose Gutmütigkeit bis zu bösartigem, grauenvollen Drohen. Mancher Gasthof „Zum wilden Mann“ (z.B. Lörrach am Marktplatz mit Schild) ist nach ihnen benannt. Sie sind Schutzgeister und Unholde zugleich und kommen aus den wilden Wäldern der Mittelgebirge, wesensverwandt mit Riesen, Zwergen oder den Trolls des Nordens. Sie sind hoher Ausdruck der Romantik und des Volksglaubens (siehe Märchen) mit einem guten Anteil Aberglauben. Als Dämonen von grausiger Gestalt schwanken sie zwischen Nutzen und Schaden für die Menschen. Behandelt man sie ehrfürchtig und folgt ihrem Rat, ist man auf der sicheren Seite – verhöhnt man sie aber, so rächen sie sich und strafen den Spötter. Sie können auch das Wetter voraussagen, z.B. Sturm und Regen, können sogar ganze Städte versinken lassen.

 

Und hier liegt wohl der Schlüssel zur Lösung der Frage: Was soll ihr Bild am Eingang der Holzbrücke? Die Stadt beschützen, die empfindliche Holzbrücke vor Hochwasser retten! Der Glaube an die Macht der Waldgeister verträgt sich im Volksglauben gut mit dem Glauben an den Schutz durch unsere Heiligen.