Ein Schuh erzählt aus seinem Leben …

von Friederike Schlögl

 

Seit vielen Jahren „beobachte“ ich diesen Schuh. Er liegt in einem Waldstück in der Nähe von Wallbach. Ab und zu verändert er seine Lage, wie er das genau macht, weiß ich nicht, aber immer wieder entdecke ich ihn irgendwo zwischen Laub und Unterholz. Was mag er wohl alles erlebt haben? Wo war er überall? Ist er lange Strecken gegangen oder eher kurze? Lieber bergauf oder bergab? Hat er sich mal verirrt? Musste er Umwege gehen? Fragen über Fragen, über deren Antworten ich bisher nur spekulieren konnte.

 

Vor einiger Zeit, auf dem Rückweg von einer Wanderung, habe ich mich zu ihm gesetzt. Mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, genoss ich die warmen und wohltuenden Strahlen der Spätsommersonne … plötzlich vernahm ich ein Räuspern. Wer war das? In der Nähe konnte ich niemanden entdecken. Noch einmal hörte ich das Räuspern, ganz dicht neben mir. Es war der Schuh! Konnte das überhaupt sein? Doch da begann er schon mit etwas heißerer Stimme zu sprechen:

„Ich weiß, dass du mich schon lange beobachtest.“ Nach einem dritten Räuspern fuhr er fort: „Seit vielen Jahren liege ich hier. Kaum jemand beachtet mich. Wie ich genau hierher gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Bevor ich aber hier gelandet bin, hatte ich ein sehr abwechslungsreiches und aufregendes Leben. Soll ich dir davon erzählen?“ 

Immer noch sehr erstaunt, dass der Schuh mit mir sprach, antwortete ich schnell: „Ja, natürlich, das hört sich ja sehr interessant an,“ und dann lauschte ich den Geschichten dieses Schuhs.

„Als junger und nagelneuer Schuh landete ich in der Abteilung für Wanderausrüstung in einem Sportgeschäft. Den ganzen Tag im Regal herumzustehen, war nicht besonders spannend. Aber dieser Zustand sollte nicht lange dauern. Schon nach wenigen Tagen wurde ich aus dem Regal genommen, anprobiert, für gut befunden, eingepackt, bezahlt und von einer wanderbegeisterten Frau mit nach Hause genommen. Nun begann mein wirkliches Leben. 

 

Meine neue Besitzerin entpuppte sich als bewegungsfreudige und frischluftliebende Person, die fast jede Gelegenheit nutzte, um in mich hineinzuschlüpfen und sich auf den Weg an irgendeinen schönen Ort zu machen. Wie oft ich am Bergsee und auf dem Röthekopf war, kann ich gar nicht sagen, auf jeden Fall sehr oft. Auch viele andere Wanderwege im Südschwarzwald bin ich gegangen, flache, steile, steinige, manchmal musste ich auch klettern, über Wiesen, über Brücken … da fällt mir was ein! 

 

Auf einer Wanderung in Oberschwaben, es hatte zuvor mehrere Tage geregnet, standen wir plötzlich vor einem Bach, der vor dem vielen Regen hier nicht geflossen war. Deshalb gab es natürlich auch keine Brücke, auf der wir ihn hätten überqueren können. Oje, dachte ich, das kann eine sehr nasse Angelegenheit werden. Doch was tat meine Besitzerin? Kurzentschlossen zog sie Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosen hoch und brachte mich trocken ans andere Ufer. Dort wurde ich wieder angezogen und weiter ging’s. Als Dank wärmte ich ihre doch etwas kalt gewordenen Füße schnell wieder auf.

Einige Male bin ich auch in den Alpen gewesen. Die wunderbaren Ausblicke von den Gipfeln fand ich mindestens genau so toll wie meine Besitzerin. Gelegentlich machte sie eine extra Runde, meistens verbunden mit einem weiteren Anstieg. Ihr Mann machte es sich dann an einem schönen Plätzchen gemütlich, während wir in gesteigertem Tempo irgendwo hochkraxelten, wie so oft die Aussicht genossen und wieder zum Mitwanderer zurückkehrten. Ich erinnere mich an solche Aktionen z.B. im Appenzell, im Brandner Tal, im Bregenzer Wald und in Südtirol.

alle Fotos dieser Seite: Friederike Schlögl

 

Manchmal durfte ich sogar mit dem Flugzeug verreisen. Da ich im Koffer so viel Platz wegnehme, wurde ich immer auch auf der Hin- und Rückreise getragen. Da bekommt man natürlich vieles mit. Ich muss aber ehrlich sagen, dass Rollfelder und Flughafenhallen nicht meine bevorzugten Aufenthaltsorte sind. Asphalt, Beton u.ä. rangieren auf meiner Hitliste der Untergründe ganz unten.

Allerdings habe ich dank dieser Flugreisen richtig coole Wanderungen in Griechenland, Italien und Portugal gemacht. Ein echtes Highlight war Island. Die Wanderungen über Vulkane und Gletscher, bei letzterem wurden mir zusätzlich Steigeisen an den Sohlen befestigt, waren ganz besondere Erlebnisse. Es hieß aber auch gut aufgepasst, dass man nicht aus Versehen in eine der zahlreich brodelnden heißen Quellen trat. Das hätte sehr unangenehm werden können! Meine Besitzerin hat keinen dieser Hot Pots ausgelassen, um sich darin aufzuwärmen und zu entspannen, aber glücklicherweise ohne mich! 

 

Vor einiger Zeit ist sie dann dem Schwarzwaldverein beigetreten. Ich hatte natürlich gehofft, dass wir häufiger mit diesen netten Menschen wandern, aber coronabedingt haben gar nicht so viele Wanderung stattgefunden und manchmal hatte sie auch etwas anderes vor. Aber ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich bemerkt habe, dass wir zum Treffpunkt am Bahnhof oder in der Badmatte gegangen sind.

 

Irgendwann hat aber auch der beste Schuh ausgedient. Und jetzt verbringe ich meine Zeit hier am Waldrand, beobachte Menschen, Tiere und Pflanzen und will nicht klagen …“

 

Ups … was war das? Ein lautes Rascheln ließ mich aufschrecken. Ach, nur ein Eichhörnchen, das Eicheln für den nächsten Winter sammelte. Noch ein wenig benommen blickte ich auf den Schuh neben mir. Hatte er tatsächlich mit mir gesprochen? Oder hatte ich das nur geträumt?

 

Ich war mir nicht ganz sicher. Aber wenn Schuhe wirklich sprechen könnten, hätten sie auf jeden Fall viel zu erzählen!